Der Internet-Boom und die Dot-Coms

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Das World Wide Web eröffnete das Internet auch Nicht-Wissenschaftlern und der Wirtschaft. Durch die ebenfalls rapide Computerisierung der Haushalte begann die Verbreitung des Internet auch sehr schnell bei der breiten Bevölkerung, die sich nicht zu Technik-Freaks zählten. Ein neuer Wirtschaftszweig beflügelte diese Entwicklungen jahrelang, sorgte aber letztendlich auch für eine der größten Depressionen, die je eine Wirtschaftsbranche erlebt hat.

Das World Wide Web kommt - gewaltig

Die Verbreitung des World Wide Webs vollzieht sich in einer selbst für computerhistorische Verhältnisse atemberaubenden Geschwindigkeit. Zwar stieg die Bedeutung des Internet schon im Verlauf der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, als das World Wide Web noch nicht erfunden war, stetig an, dennoch war das Internet weitgehend immer noch eine eher universitäre und wissenschaftliche Bastion. Die änderte sich, als das World Wide Web seine ersten Schritte außerhalb des CERN machte, sich Administratoren im Internet an die frei verfügbare WWW-Software wagten und die Basis für Web-Angebote bildeten.

Diagramm der Webserver-Zahlen seit 1990Existierte Ende 1990 erst genau ein Webserver im Internet, nämlich auf dem Rechner von Tim Berners-Lee am CERN, und Ende 1995 schon immerhin knapp über 10.000 Rechner. Wiederum fünf Jahre später waren es Ende 2000 schon über 25 Millionen Webserver. Noch mal fünf Jahre später, Ende 2005, zählte man im Internet schon die dreifache Zahl davon, nämlich knapp 75 Millionen Webserver. Und die Tendenz ist weiterhin nahezu ungebrochen steigend.

Dennoch: Solche Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das World Wide Web im Internet bis 1994 praktisch keine Rolle spielte, obwohl die Kerntechnologie damals schon fünf Jahre alt war. Zwar begannen im Laufe des Jahres 1994 die ersten Unternehmen, eigene Homepages im Internet einzurichten, die jedoch oft genug Versuchsballons waren. Selbst Softwareunternehmen wie Microsoft schätzten das Internet und das World Wide Web zunächst falsch ein - Microsoft lieferte 1995 mit seinem neuen Betriebssystem Windows 95 den hauseigenen Webbrowser Internet Explorer nur in einem zusätzlich erhältlichen, kostenpflichtigen Zusatzpaket.

Der Durchbruch kommt in Schüben und vor allem durch Medienberichte und Analysen von Wirtschaftsunternehmen, aber auch von den ersten Angeboten von Online-Diensten und Internet Service Providern über Zugänge ins Internet, beispielsweise auf Basis von Modemeinwahlen über das Telefonnetz.

Der Internet-Boom in der Wirtschaft

Das Internet etablierte sich in der Wirtschaftswelt nur langsam. Großunternehmen erkannten die Zeichen der Zeit am ehesten, in dem Sie die E-Mail und die Firmen-Homepage als neue Kommunikationsform in ihre Unternehmensprozesse integrierten. Besonders Versandhäuser und Zeitungen implementierten sehr schnell entsprechende Schnittstellen und konnten ihre Waren und Dienstleistungen problemlos auch über das Internet anbieten.

Lange Zeit sehr unbeholfen stand der Mittelstand dem Internet gegenüber. Die Registrierung einer eigene Domain, das Erstellen einer Firmen-Homepage und die Versorgung der Mitarbeiter mit eigenen E-Mail-Adressen verlief bei den meisten Mittelständlern deutlich später und langsamer, was vor allem seine Gründe in fehlendem Personal hat, das entsprechende Entwicklungen in der Branche hätte beobachten und bewerten können.

Mittelständler, die schon frühzeitig den Schritt ins Internet wagten, konnten schon in den frühen Jahren des World Wide Web Erfolge in Form von internationalen Geschäftsabschlüssen ernten, die nur dadurch entstehen konnten, dass ihre Produkte durch eine Homepage schlagartig einem weltweiten Publikum präsentiert werden konnten. Ein alter Bekannter erlebte wieder eine Renaissance, der elektronische Handel, neudeutsch nun E-Commerce genannt. War das elektronische Einkaufen per Bildschirm bis dato weitgehend nur über das veraltete Bildschirmtext möglich, eröffnete das Internet und das World Wide Web ganz andere Präsentationsmöglichkeiten.

Die schöne neue Welt des Internet ermöglichte mutigen Unternehmern auch märchenartige Karrieren; viele allerdings ohne Happy End ..

Die Dot-Com-Blase

Das World Wide Web und die nahezu phantastischen und grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten beflügelte eine ganze Schar von Visionären, gestandenen Geschäftsführern und Investoren. Besonders die Möglichkeiten, Geschäftsprozesse über das Internet abzuwickeln, boten Raum für Unternehmenskonzepte. Die Begriffe B2B ("Business-To-Business") und B2C ("Business-To-Customer") zeigten die Marschrichtung des neu aufkeimenden Wirtschaftsbereich, der New Economy. Neugründungen, so genannte Start-Ups, schossen aus dem Boden und das Kürzel ".com" wurde als Dot-Com ein Markenzeichen der Branche. Selbst eingesessene Computerunternehmen wie Hewlett-Packard und IBM wirkten im Vergleich zur Vitalität und Kreativität der New Economy wie Unternehmen aus einer alten Zeit und genau dies galt als Motto der neuen Szene. Die "Jugend" war auf dem besten Wege, die alteingesessenen Unternehmen dank Kreativität und Ideenreichtum zu übertrumpfen.

Als einer der ersten großen Unternehmen in der New Economy gilt der Suchmaschinenbetreiber Yahoo. Yahoo wurde 1994 von den damaligen Stanford-Studenten Jerry Yang und David Filo als privates Projekt gestartet. Sie sammelten interessante Hyperlinks im World Wide Web und legten diese hierarchisch auf ihrem Webserver ab. Ende 1994 wurde der Risikokapitalgeber Sequoia Capital auf das Projekt aufmerksam und investierte 1 Million US-Dollar in Yahoo, so dass Yahoo im April 1995 als Unternehmen gegründet werden konnte. Bereits ein Jahr später wurde Yahoo an der Börse notiert.

Diese sagenhafte Karriere beflügelte viele Unternehmer, mit ihren Konzepten Risikokapital anzunehmen, das plötzlich in Hülle und Fülle bereitstand. Es entstanden so schillernde Unternehmen wie 1994 der Buchversender Amazon.com, 1995 das Online-Auktionshaus eBay, 1999 das exklusive Online-Kaufhaus Boo.com und viele mehr. Auch in Deutschland entstanden auf diese Weise Unternehmen, beispielsweise 1995 der Online-Shop-Hersteller Intershop, 1993 die Multimedia-Agentur Kabel New Media. In den Boomzeiten ab 1998 bildeten sich innerhalb kürzester Zeit eine Schar von neuen Unternehmen, die neben sehr viel Startkapital meist eines nicht hatten: Ein tragfähiges Unternehmenskonzept. Ein glorreiches Beispiel einer verfehlten Unternehmenskonzeption war beispielsweise das deutsche Startup-Unternehmen Snacker.de: In einer fast schon pompösen Veranstaltung wurde Mitte Mai 2000 das Unternehmenskonzept vorgestellt - Eine einheitliche Plattform zur Recherche nach Fast-Food-Ketten und Imbissstuben. Dem nicht genüge: Man wollte zudem eine Online-Bestellmöglichkeit schaffen, damit der Hungerverspürende gleich online bei seiner Lieblingsimbissbude reservieren konnte. Dass dieses Konzept fundamental am Bedarf vorbeiging, zeigte sich durch die Pleite, genau ein Jahr nach der Vorstellung des Unternehmens im Mai 2001.

Es bildeten sich Szenen, die teilweise an Skurrilität und Albernheit kaum zu überbieten waren: Startup-Unternehmen wurden von Risikokapitalgebern mit sagenhaft viel Kapital ausgestattet, obwohl viele der zugrunde liegenden Unternehmenskonzepte keiner fundierten Analyse standgehalten hätten. Neue Mitarbeiter wurden ohne besondere Vorkenntnisse eingestellt, Kundenprojekte haarscharf an der Rentabilität kalkuliert, Dienstleistungen im Internet kostenlos angeboten, ohne reelle Pläne, irgendwann mustergültigen Umsatz mit der Dienstleistung zu generieren. Stattdessen wurde in viele solcher Startup-Unternehmen weiteres Risikokapital gepumpt, weil viele an die quietschbunte Branche glaubten und den Rubel vermeintlich rollen sahen. Es verbreitete sich eine fast surreal wirkende Leichtgläubigkeit und Unfehlbarkeit, die bezeichnend für die gesamte Branche wurde. Börsengänge fanden im Wochentakt statt und wurden als triumphale Meilensteine gefeiert. Die Börsen honorierten dies mit der Einrichtung von eigenen Technologieindizes, beispielsweise dem NEMAX an der Deutschen Börse.

Der unbeschwerte Glaube an die New Economy führte zu teilweise völlig absurden Entwicklungen in der Börsenwelt: Im Jahre 2000 hatte beispielsweise Yahoo mit 2.300 Beschäftigten einen Börsenwert von über 79 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Konzern DaimlerChrysler hatte zu diesem Zeitpunkt weltweit 467.900 Beschäftigte und einen Börsenwert von "nur" 57 Milliarden Euro. Fast einer Krönung gleich kam im Jahr 2000 die Fusion zwischen dem Online-Dienst AOL und dem Unterhaltungskonzern Time Warner zum neuen Mediengiganten AOL Time Warner. Die Branche schwelgte förmlich in einer Selbstgefälligkeit und alles, was auch nur im Entferntesten mit dem Internet zu tun hatte, ritt auf der Welle mit. Selbst althergebrachte Unternehmen wie die Deutsche Telekom, 1995 in die Börse eingeführt, erlebten in diesen Zeiten Höhenflüge ihrer Aktienkurse.

Es kam jedoch, wie es kommen musste: Viele Unternehmen verloren im Laufe des Jahres 2000 bei einigen Analysten, längst überfällig, das Vertrauen in ihre Konzepte und ihren unternehmerischen Fähigkeiten. Viele Start-Up-Unternehmen hatten dank ihres nicht tragfähigen Unternehmenskonzept schon bei ihrer Gründung keine sonderlich guten Erfolgsaussichten, wurden von Risikokapitalgebern dennoch stetig mit utopisch hohem Kapital ausgestattet. Dies quittierten viele Analysten mit negativen Unternehmensbewertungen und brachten so das Schiff ins Schlingern. Ein Dominoeffekt ohne Gleichen entstand, denn diese Verunsicherung setzte ab dem Jahr 2000 die gesamte New Economy unter Druck. Bis dato hoch bewertete Unternehmen wurden gnadenlos abgewertet, die Kapitalgeber, Aktionäre, Mitarbeiter und Kunden wurden aufgrund der Milliardenverluste über Nacht, unruhig und reagierten panisch. Das Unternehmen Boo.com, 1999 noch mit unglaublichen 120 Millionen US-Dollar Risikokapital ausgestattet, legte im März 2000 die Pleite des Jahres hin. Mit einem am Kunden vorbeigeplanten Unternehmenskonzept, technischen Anforderungen der Website, die 90 % der Kundschaft gar nicht erfüllen konnte und einer katastrophalen Finanzpolitik, bestätigte diese Pleite die Befürchtungen aller und die Teufelsspirale kam immer mehr in Gang.

Im Laufe des Jahres 2000 und 2001 erlebte die Wirtschaft das qualvolle Sterben eines ganzen Wirtschaftszweiges, der noch Monate zuvor frenetisch gefeiert wurde und vor allem sich selbst am meisten feierte. Unternehmen, deren Finanzmittel erschöpft waren, konnten nun plötzlich nicht mehr auf das bisher immer bequem nachgepumpte Risikokapital zurückgreifen und kamen innerhalb kürzester Zeit in akute Finanznöte. Geschäftspolitische Fehlentscheidungen taten in solch kritischen Unternehmenssituationen dann ihriges, um manch eine Unternehmenspleite innerhalb ein, zwei Monate auszulösen. Aber auch Startup-Unternehmen, die bereits tragfähige Einnahmen vorweisen konnten, kamen dank der allgemeinen Vorsicht der Anleger und auch der Kunden in teilweise sehr schwere Turbulenzen und mussten erheblich Federn lassen.

In den Zentren der New-Economy-Bewegungen, allen voran im kalifornischen "Silicon Valley", brach eine regelrechte Rezession aus. Viele Start-Ups mussten in kürzester Zeit, teilweise innerhalb weniger Tage, einen Großteil ihrer Belegschaft entlassen, um das Unternehmen überhaupt noch am Leben erhalten zu können. Unternehmen, die in den besten Zeiten mehrere hundert Mitarbeiter hatten, hatten nun teilweise Mitarbeiterzahlen, die an zwei Händen abgezählt werden konnten. Diese Entwicklung fand auch in den deutschen Zentren der New Economy, allen voran in Hamburg, München und Berlin, statt. Die Arbeitsmärkte wurden schlagartig überschwemmt mit vielen gut ausgebildeten und nun arbeitslosen Fachkräften, allerdings auch mit Menschen, die außer ihrer Leidenschaft für Computer und das Internet nicht sonderlich viel mehr vorweisen konnten. Und auch mit regelrechten psychischen Wracks, die nach monatelanger aufopferungsvoller Arbeit völlig ausgebrannt nicht selten das trostlose Ende des Unternehmens mit ansehen mussten.

Der Frust der "Verlierer" kennzeichnete nach einiger Zeit rückblickend diese dramatische Zeit. Freundschaften zerbrachen, es wurden regelrechte Verbalkriege auf Websites zwischen Ex-Unternehmern und ihren ehemaligen Mitarbeitern geführt. Findige Unternehmer fanden jedoch auch in der nun in weiten Teilen arbeitslos gewordenen New Economy einen Markt: So genannte Pink-Slip-Partys (als "Pink Slip" wird in den USA der Entlassungsschein bezeichnet) wurden in den Zentren der New Economy veranstaltet, damit sich dort arbeitslose Fachleute in ungezwungener Atmosphäre mit neuen Arbeitgebern unterhalten konnten. Einzig der unglaubliche Zynismus der Szene wurde mit solchen Veranstaltungen zuverlässig untermauert, denn nur die wenigsten fanden auf solchen Veranstaltungen tatsächlich neue berufliche Kontakte.

Verbrannte Erde

Der Abwärtstrend der New Economy hielt noch mehrere Jahre an und wurde durch die Attentate des 11. Septembers 2001 und der weltweiten wirtschaftlichen Rezession weiter angetrieben. Noch weit im Jahre 2002 und 2003 brachen Unternehmen zusammen, die die Durststrecke trotz hartem Konsolidierungskurs nicht überlebten. So manch Unternehmersohn überließ in dieser harten Zeit buchstäblich dem erfahrenen Vater das Steuer, um das Unternehmen zu sanieren - auch weil so manch Vater um sein in das Unternehmen eingebrachte Kapital fürchtete und die völlige Katastrophe abzuwenden versuchte.

Andererseits sorgte die Dot-Com-Blase dafür, dass die Internet-Branche grundlegend eine Säuberung erhielt und nun auch hier Konzepte objektiv betrachtet wurden. Die Branche war befreit von vielen Schaumschlägern und Trittbrettfahrern, die nur auf der Suche nach dem schnellen Geld waren und oft jegliche Vernunft dabei ablegten.

Weiterführende Literatur

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