Gopher

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Im Nachhinein betrachtet ist Gopher der erste, zaghafte Schritt in die Welt der auf öffentlichen Servern strukturierten, mit Hyperlinks versehenen Information gewesen. Information konnte mit Gopher in einem einheitlichen System archiviert und recherchiert werden, was vor allem für Universitäten und Forschungseinrichtungen eine segensreiche Einrichtung war.

Was ist Gopher?

Gopher-Ansicht in Firefox mit Plug-In OverbiteFFGopher ist ein menügestütztes Informationssystem, das auf einem Client-Server-Prinzip basiert. Die Information liegt auf einem Gopher-Server, der mit einem Gopher-Client bedient werden kann. Die Intention bei der Entwicklung von Gopher war dabei, das Recherchieren so einfach wie möglich zu gestalten, ohne das der Benutzer irgendwelche Befehle von Hand eingeben muss.

Realisiert wurde das mit einfachen Menüstrukturen, die vollständig durch die Gopher-Software abgebildet wurde. Aus heutiger Sicht muten diese Menü- und Verzeichnisstrukturen archaisch an und erinnern heutzutage an nachlässig konfigurierte Webserver. Mitte der 1990er Jahre war Gopher jedoch, ebenso wie das damals aufkommende Word Wide Web (siehe hierzu auch World Wide Web), in der Informationsaufbereitung derartig revolutionäre Erscheinungen im weitgehend noch akademisch geprägten Internet, dass über "schöne Ansichten" noch keine sonderlich großen Diskussionen geführt wurden.

Geschichtliches

Entwickelt wurde Gopher Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts von Paul Lindner und Mark McCahill an der University of Minnesota als Onlinehilfesystem für die dort ansässige Computerabteilung. Sehr schnell verbreitete sich Gopher auf dem gesamten Campus als Informationssystem und wurde nach und nach an immer mehr Universitäten genutzt, aber auch von vielen Unternehmen. Die Verbreitung von Gopher verlief einige Zeit parallel zur Entwicklung des World Wide Web, der rasante Aufstieg des WWW war dann aber nicht primär der Auslöser für das abrupte Ende von Gopher, sondern eine wirtschaftliche Entscheidung.

Anfang 1993 beschloss die University of Minnesota nämlich, für die Nutzung von Gopher von bestimmten Nutzergruppen Lizenzgebühren zu verlangen. Gopher-Browser sollten generell kostenlos bleiben, ebenso die Serversoftware für den Einsatz für nichtkommerzielle Zwecke. Unternehmen sollten jedoch eine jährliche Gebühr für die Nutzung der Gopher-Software bezahlen, indem sie diese lizenzieren sollten.

Dieses Ansinnen der University of Minnesota war ein Prellblock für die weitere Gopher-Entwicklung, denn mit dieser Ankündigung stoppten viele Unternehmen ihre eigenen Gopher-Entwicklungen und -Dienste und beobachteten stattdessen die Entwicklung des World Wide Web. Dort gab es seit April 1993 durch die offizielle Zusicherung des CERN auf eine unbeschränkte und kostenlose Verwendung der WWW-Technologie eine entsprechende Zukunftssicherheit und vor allem die Möglichkeit, die WWW-Technologie auch weiterhin kostenlos einsetzen zu können.

Die Entscheidung für die Lizenzpflicht bei kommerzieller Nutzung nahm die University of Minnesota erst im Jahre 2000 wieder zurück und lizenzierte zu diesem Zeitpunkt ihre Gopher-Software unter der GNU GPL als frei verfügbare und nutzungslizenzfreie Software. Da jedoch war der Kampf zwischen Gopher und dem World Wide Web schon längst zugunsten des WWW entschieden.

Für den Begriff "Gopher" gibt es mehrere Herkunftserklärungen: Die plausibelste Erklärung leitet sich aus dem Beinamen des US-Bundesstaates Minnesota ab, der "The Gopher State" lautet. "Gopher" ist der englische Begriff für die Tierart der Beutelratte, die besonders in Minnesota weit verbreitet ist. Eine andere Erklärung leitet den Namen aus dem landläufigen Begriff ab, mit dem im angelsächsischen Bereich Botenjungen bezeichnet werden: Gofer. Wiederum eine andere Definition bezieht sich auf das Motto "Go for information", der Aufforderung zur Suche nach Information.

Technisches

Das Gopher-Protokoll arbeitet auf Basis von TCP/IP und standardmäßig auf dem initialen IP-Port Nr. 70. Das Protokoll wurde bewusst einfach gehalten, um möglichst effiziente und schnelle Datenübertragungen zu ermöglichen. So war es an sich nicht zwingend notwendig, einen gesonderten Gopher-Browser zu verwenden, da auch schon eine Telnet-Sitzung zu einem Gopher-Server und dessen Port 70 eine Übertragung initiieren kann.

Gopher bietet die Navigation durch einen Datenbestand auf einem Gopher-Server durch eine baumartige Struktur, wie sie von baumartigen Dateiverwaltungen der meisten Betriebssysteme bekannt ist. Diese Baumstruktur auf einem Gopher-Server nennt man Gopherspace.

Innerhalb dieser Baumstruktur gibt es entweder weitere Verzeichnisse oder Dateien. Wird ein Verzeichnis aufgerufen, bedeutet dies ein Sprung in den jeweiligen Ast des Baumes, der nicht nur hierarchisch sein kann, sondern auch durch einen Link zu einer völlig anderen Stelle des Baumes (und auch durchaus auf einem anderen Gopherserver) führen kann. Wird eine Datei angewählt, ist dies ein Dateiaufruf und die gewünschte Datei wird heruntergeladen und angezeigt.

Im Gegensatz zu Hypertext sind Dokumente im Gopherspace nicht interaktiv, sondern in sich geschlossen, können also beispielsweise keine multi- oder hypermedialen Fähigkeiten besitzen, die das Einbinden von Grafiken oder Hyperlinks zu anderen Dokumenten ermöglichen. Diese Einschränkung gilt im Nachhinein als einer der größten Nachteile gegenüber dem World Wide Web.

Gopher-Serversoftware gibt es noch für alle Server-Betriebssysteme, traditionell vor allem für unix-basierte Systeme. In vielen Linux-Distributionen beispielsweise kann Gopher-Serversoftware optional installiert und eingesetzt werden.

Benutzung

Für Gopher gab es anfänglich spezielle grafische Gopher-Clients, mit denen intuitiv auf einem Gopher-Server navigiert werden konnte. Da der Inhalt auf Gopher-Servern in der Regel aus Textdokumenten und Grafikdateien bestand, waren die technischen Anforderungen an solche Clients nicht sehr hoch und liefen teilweise selbst auf Kommandozeilenebenen (hier dann logischerweise ohne die Möglichkeit zur Anzeige von Bildern).

Als Suchmaschine für Gopher wurde recht bald nach dem Aufkommen der ersten Gopher-Server Veronica entwickelt. Veronica durchsuchte Gopher-Server mit einem Spider, einem automatisch ablaufenden Programm zum Abruf von Texten, und bot die Möglichkeit der Stichwortsuche über alle in ihrer Datenbank indizierten Dokumententitel. Damit war die einfache und schnelle Suche über den Gopherspace möglich, was gerade bei größeren Textbeständen einen erheblichen Zugewinn an Komfort bedeutete, da bis dato meist proprietäre Terminaldienste für solche Suchaufgaben benutzt werden mussten.

Mit dem Aufkommen von Webbrowsern schwand die Notwendigkeit für eigenständige Gopher-Clients. Ursprünglich beherrschten fast alle früheren Webbrowser auch Gopher und ermöglichten den Besuch von Gopher-Servern. In der Zwischenzeit wird bei allen modernen Webbrowsern Gopher nicht mehr berücksichtigt und unterstützt. Für Firefox existieren noch eine Reihe von Plug-Ins, die die Gopher-Funktionalität nachträglich implementieren können.

Ebenso sinkt die Zahl der öffentlich erreichbaren Gopher-Server im Internet stetig; einzig universitäre Einrichtungen setzen bei reinen Informationssystemen immer wieder noch auf Gopher-Systeme, doch auch hier wird die Zahl immer weniger. Die meisten Gopher-Server (wir sprechen hier von einigen wenigen Hundert) werden nur noch zu privaten Zwecken als Anschauungsobjekte betrieben.

Gopher im Beispiel

Gopher-Server sind für Anschauungszwecke leider kaum noch "auf freier Wildbahn" im Internet zu finden. Einer der wenigen deutschsprachigen und öffentlich zugänglichen Gopher-Server läuft unter Gopherspace.de. Behandeln Sie diesen Server deshalb bitte sorgsam, es könnte der letzte sein. :-)

gopher://gopherspace.de

Dieser Hyperlink wird nur funktionieren, wenn Sie den Link entweder in einem Gopher-Client aufrufen und die Protokollaufrufe für "gopher:" dorthin umgeleitet werden oder wenn Ihr Webbrowser das Gopher-Protokoll unterstützt. Moderne Webbrowser wie Firefox, Google Chrome oder Internet Explorer tun dies von Hause aus nicht mehr. Für Firefox existiert ein Add-On namens OverbiteFF, das die Gopher-Funktionalität nachträglich zu Firefox hinzufügt.

Weiterführende Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Gopher
Wikipedia-Artikel zu Gopher

https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/overbiteff/
Firefox-Add-On OverbiteFF

Dieser Artikel ist Constanze Beyer (1970-2014) gewidmet.

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